Altarbibel

Altarbibel


Die Jülicher Gemeinde besitzt zwei alte Altarbibeln, die jede in ihrer Art Zeugnis geben von interessanten Konzepten der Bibeledition im 17. und 18. Jahrhundert. Aber auch für die Gemeindegeschichte lohnt es sich, der Herkunft der beiden Bibeln nachzuspüren, um so mehr, als die eine aus der alten Jülicher reformierten Gemeinde kommt, die andere aus der lutherischen Gemeinde.





Toussain-Bibel


Die sogenannte Toussain-Bibel, 1668 in Frankfurt bei Falkeisen verlegt, zeigt das Bemühen der Reformierten um eine eigenständige Bibeledition. Um 1600 waren reformiert geprägte Übersetzungen entstanden, von denen die Piscatorbibel die bekannteste ist. Es zeigte sich aber, dass sich der Luthertext auch bei den reformierten Gemeinden einer großen Beliebtheit erfreute, so dass sich andere Übersetzungen schwer durchsetzen ließen. Das brachte den reformierten Heidelberger Theologen Paul Toussain (1572 - 1634) dazu, eine Lutherbibel mit Kommentierungen (Randglossen) in reformiertem Geist herauszubringen. Die weiteren Auflagen dieser Bibel gerieten zunehmend in den Einfluss des niederländischen Calvinismus. Dort entstand, von Toussain mit Interesse beobachtet, die Statenbijbel, die große niederländische Bibelübersetzung im Auftrag der Generalstaaten. Das umfangreiche Glossar der Statenbijbel - es erreicht teilweise den Umfang des Bibeltextes - wurde zu einem Standard reformierter Bibelkommentierung und ab 1663 von der Toussain-Bibel in deutscher Übersetzung übernommen.
Betrachtet man den damaligen Einfluss der niederländischen Reformierten auf den Jülicher Raum, so verwundert es nicht, dass sich die Toussain-Bibel hier verbreitet hat, allein schon wegen des Interesses am Glossar der Statenbijbel. So findet sich die Bibel auch in Wassenberg, Stolberg und Roetgen. Man sah in ihr wohl ein Stück Calvinismus in einer von den Lutheranern beherrschten Bibelwelt. Über Herkunft und Geschichte des Jülicher Exemplars ist nichts bekannt. Es enthält keine handschriftlichen Eintragungen oder eingelegte Blätter, die Aufschluss über Vorbesitzer geben könnten. Nachdem man in den 1980er Jahren den schlechten Zustand des Exemplars erkannte, wurden durch die Archivberatungsstelle Rheinland in Brauweiler Restaurierungsarbeiten zur Sicherung von Papier und Einband durchgeführt. An eine Lückenergänzung (es fehlen Titelblatt, Frontispiz und einige Seiten des Registers) ist gedacht, bisher sind aber lediglich bei der Württembergischen Landesbibliothek Mikrofilmkopien der verlorengegangenen Seiten hergestellt worden.





Canstein-Bibel

Canstein-Bibel


Die aus der alten lutherischen Gemeinde Jülichs stammende Bibel wurde 1736 im Halleschen Waisenhaus gedruckt und gehört zur Familie der Canstein-Bibeln. Das von der Cansteinschen Bibelgesellschaft in Halle - im Rahmen der Franckeschen Stiftungen betriebene - Projekt hatte zum Ziel, in großen Auflagen preiswerte Bibeln für jedermann zu produzieren. Technisch erreicht wurde das durch den Druck vom stehenden Satz, das heißt, die Druckstöcke einer jeden Seite der Bibel wurden während des ganzen Drucks stehen gelassen, um später weitere Auflagen ohne den erneuten Aufwand des Setzens drucken zu können. Auf diese Weise wurden in Halle in wenigen Jahrzehnten Millionen von Bibeln zu Preisen von 6 bis 10 Groschen gedruckt.


Nur einmal kam es zu einem repräsentativeren Sonderdruck im Folio-Format, mit einer größeren Schrift und mit besserem Papier, aber doch seitengleich mit der üblichen Canstein-Bibel. Diese Bibel erschien in 1736 und 1741 mit einer Auflage von insgesamt nur 4.500 Exemplaren, wovon eines 1749 von der Ehefrau des Jülicher lutherischen Pfarrers Friedrich Christian Theodor Boehme erworben wurde. Sie vermerkte handschriftlich auf der Seite vor dem Titelblatt:
Maria Gertraud Deutgen, Ehefrau Friderici, Christiani, Theodori Boehme, Evangelisch-Lutherischen Pastoris zu Gülich, hat diese Bibel zu ihrem beständigen gebrauch gekauffet Anno 1749 den 9ten Aprilis / hat gekostet mit dem Einbande: / Drey Rthlr und viertzig stüber Sie muss eine selbstbewusste Frau gewesen sein, wenn sie sich eine repräsentative Bibel in Folio-Größe für ihren persönlichen Gebrauch anschaffte, dieselbe aufwendig binden ließ und sich mit dem Hinweis auf die Kosten wohl von den Billigbibeln absetzen wollte, die damals das Land überschwemmten. Da Kinder nicht überlebten, ist anzunehmen, dass nach dem Tode der Boehmes um 1780 die Bibel in den Besitz der damaligen lutherischen Gemeinde gekommen ist und mit der Union an unsere heutige Gemeinde übergegangen ist. Über den Gebrauch in Gottesdiensten ist aus weiter zurückliegender Zeit nichts bekannt.
Die Bibel ist in einem guten Erhaltungszustand. Sie liegt bei Gottesdiensten auf dem Altar und wird gelegentlich für die feierliche Schriftlesung genutzt.




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